Barbara Woege
Nachfolgerin
Konsumgesellschaft Haldesleben
„Wir haben keinen einzigen Flop gelandet“
Petra Woege stieß kurz vor der Wende zum Vorstand der heutigen KONSUM „Optimal-Kauf“ eG in Haldensleben / Die heute 61-Jährige machte aus dem DDR-Erbe eine wettbewerbsfähige Handelsgesellschaft mit heute 28 Läden Kaum war die Mauer gefallen, wollten die Kunden keine Ostprodukte mehr, sondern solche, die sie aus dem Westfernsehen kannten. Die Konsumgenossenschaft Haldensleben in Sachsen-Anhalt wollte ihre Kunden nicht dauerhaft an Supermärkte im Grenzgebiet verlieren und musste zusehen, den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft möglichst schnell hinzukriegen. „Das Schwierigste war das Beschaffen der Waren“, erinnert sich Petra Woege, die nach einer Handelskaufmanns-Lehre beim Konsum Ökonomie und Betriebswirtschaft studiert hatte und kurz vor der Wende als Mitglied in den Vorstand der ebenfalls genossenschaftlich organisierten Edeka Handelsgesellschaft Minden-Hannover mbH berufen wurde. Eine Lösung fand sich im November 1990, als eine Zusammenarbeit mit der ebenfalls genossenschaftlich organisierten EDEKA Handelsgesellschaft Minden-Hannover mbH abgeschlossen wurde. „Ich fand die Wende klasse“, schwärmt die 61-Jährige noch heute. „Endlich konnten wir agieren und etwas bewegen.“
Ein personeller Aderlass nach der Wende sichert das Überleben
Zur Währungs- und Sozialunion am 1. Juli 1990 hatten sich die Konsumgenossenschaften Haldensleben und Wolmirstedt zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen – zur KONSUM „Optimal-Kauf“ eG Haldensleben. Zu diesem Zeitpunkt betrieb der Konsum, der 1872 als „Consum-Verein in Althaldensleben“ gegründet worden war, 229 Verkaufsstellen und 47 Gaststätten und hatte insgesamt über 1.500 Beschäftigte. Weil es nun nicht mehr darum ging, nur Einkaufsmöglichkeiten zu sichern, sondern Umsatz zu machen, schloss die Genossenschaft unrentable Einkaufsstellen. Fast 200 Läden und 46 Gaststätten wurden zugemacht – und etwa 1.300 Mitarbeiter entlassen. „Sonst hätten wir nicht überlebt“, sagt Petra Woege. Gleichzeitig setzte die Genossenschaft auf die Einrichtung von „neuen, zeitgemäßen Läden“. Dabei konzentrierten sich Woege und ihre Mitstreiter auf sogenannte Niedrigpreis-Märkte, kurz NP, die ebenfalls von Edeka beliefert werden. Bei vielen Standorten hätten Experten gewarnt, sie sollten die Finger davon lassen. „Wir haben keinen einzigen Flop gelandet“, sagt Woege nicht ohne Stolz. Von den 28 Lebensmittelmärkten, die die „Optimal-Kauf“ eG jetzt betreibt, sind 20 „Niedrigpreis“-Märkte. Dazu kommen sechs kleinere „Optimal-Kauf“-Märkte, ein „Neukauf“ und ein „Aktivmarkt“.
Neben den zwei Städten Wolmirstedt mit 10.000 Einwohnern und Haldensleben mit 20.000 ist die Genossenschaft vorwiegend in kleineren Orten der Börde vertreten, die im Schnitt 1.000 Einwohner haben. „Keiner wollte auf dem Land etwas eröffnen“, erinnert sich Woege, die seit 1995 Vorstandsvorsitzende ist. „Das hat uns aber nicht tangiert. Und jetzt sind wir in vielen Dörfern der Platzhirsch.“ Die Zahl der Beschäftigten liegt bei 177, wovon 156 Frauen sind und 31 Auszubildende. Alle 28 Märkte werden von Frauen geleitet. Und im zweiköpfigen Genossenschaftsvorstand ist Martina Lüdtke neben Petra Woege tätig. Woege findet das Arbeiten mit Frauen angenehm. „Frauen sind ehrgeiziger, sie verwirklichen mit voller Konsequenz ihre Ziele und haben ein klares, strukturiertes Vorgehen“, sagt sie. „Und ihnen ist ein angenehmes Arbeitsklima wichtig.“
Der Durchbruch kommt 2001: Die Genossenschaft liegt im Plus
Seit 2001 schreibt die Genossenschaft schwarze Zahlen. Der Umsatz liegt bei etwa 50 Millionen Euro. Die Anzahl ihrer Standorte soll in den nächsten Jahren erweitert werden. „Stillstand ist Tod“, weiß die Vorstandsvorsitzende, „und die Kunden wollen ein größeres Sortiment.“ Die Zahl der Genossenschaftsmitglieder ist seit der Wende von 30.000 auf 18.526 zurückgegangen. Maximal dürfen sie 20 Anteile à 25,56 Euro erwerben. Statt einer Dividende gibt es jährliche Weihnachtsfeiern, Betriebsfeste und seit einiger Zeit organisiert die Genossenschaft zweimal im Jahr Lesungen mit freiem Eintritt für die Mitglieder. Und, was wichtiger ist, die Mitglieder können ein Wörtchen mitreden, ob ihr Laden vor Ort bestehen bleibt. Im Unterschied zu anderen Supermärkten ist es den Mitarbeitern ausdrücklich erlaubt, mit den Kunden zu sprechen. Um erfolgreich Märkte in ländlichen Gegenden zu betreiben, muss die Genossenschaft wissen, was die Kunden wollen.
Im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes der Genossenschaft im Zentrum von Haldensleben erinnert ein Museumszimmer an die Konsum-Geschichte. Da gibt es jede Menge wuchtige alte Registrierkassen, Mitgliedsbücher aus den Anfangsjahren, einen uralten Tresor, rote Auszeichnungswimpel aus DDR-Zeiten und „Bücher der guten Taten“. In dem knapp 200 Einwohner zählenden Belsdorf wenige Kilometer von Haldensleben erinnert gleich eine ganze Straße an den Konsum. Nachdem der dortige Dorfladen 1992 geschlossen wurde, beschloss der Gemeinderat 2005, die Dorfstraße in Konsumstraße umzubenennen.
Expansion in den Westen – mit Ost-Produkten im Sortiment
Mittlerweile hat sich der Konsum auch in die alten Bundesländer vorgewagt. Der 20. Niedrigpreis-Markt wurde im November 2006 in Niedersachsen eröffnet. Und in den neuen Bundesländern gibt es längst wieder eine Nachfrage nach Ostprodukten, die nach dem Mauerfall nicht schnell genug aus den Regalen verschwinden konnten. Die KONSUM „Optimal-Kauf“ eG Haldensleben hat seit etwa zehn Jahren 25 ehemalige DDR-Produkte im Sortiment.
Unternehmenswebsite: www.optimal-kauf.de
Quellenhinweis: Barbara Bollwahn, Frauengenossenschaften – Genossenschaftsfrauen. Taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Berlin 2008, S. 13 ff.
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